Die Faszination des Erzählens – Wie alles begann 

Schon als zehnjähriges Mädchen begann ich, die Geschichten anderer Menschen zu suchen. Ohne leibliche Großeltern wuchs in mir eine Sehnsucht nach Lebensweisheiten und Erinnerungen vergangener Zeiten. Also suchte ich mir Ersatzomas und -opas und „interviewte“ sie stundenlang. Ich fragte sie nach ihrem Leben, wie es früher war, wie sie liebten, wie sie lebten. Es faszinierte mich, wie Worte zu Erzählungen wurden, wie sich eine Welt aus Erinnerungen vor mir entfaltete, die ich selbst nie erlebt hatte. Diese frühen Begegnungen wurden zu einem Schatz, den ich bewahren wollte. 

Was damals wie eine kindliche Neugier begann, wuchs in meinem Studium zu einer Leidenschaft heran. An der Universität Tübingen tauchte ich in die Welt der Empirischen Kulturwissenschaft ein, und mein Schwerpunkt kristallisierte sich schnell heraus: lebensgeschichtliche Interviews und autobiographisches Erzählen. Ich lernte, Geschichten nicht nur zu hören, sondern sie methodisch zu analysieren und zu verstehen. Es ging nicht mehr nur um Worte, sondern darum, was sie zwischen den Zeilen erzählen – über Menschen, über ihre Erfahrungen, über die Gesellschaft. 

Rückblickend sehe ich, dass meine frühe Faszination für Erzählungen zu einer Art Lebensfaden wurde, der alles miteinander verknüpfte. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich Geschichten sammeln und verstehen zu meinem Beruf machen würde. Doch genau das geschah. 

Denn das Besondere an den erzählten Geschichten ist ihre Kraft: Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart, sie schaffen Nähe, sie sind ein Schlüssel zu unserem Verständnis von Identität. Und je mehr ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass ich diesen Weg weitergehen wollte. 

→ Im nächsten Beitrag: Wie der Bauch zur zentralen Figur in meiner Forschung wurde – und was er uns über Biografie, Identität und Leben verrät.

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